Raumfahrtindustrie, Wissenschaft und Forschung im Schatten transatlantischer Spannungen

Raumfahrtindustrie, Wissenschaft und Forschung im Schatten transatlantischer Spannungen

Die geopolitische Lage im Januar 2026 markiert einen Wendepunkt für die europäische Souveränität. Während die Europäische Union mit massiven Gegenzöllen auf die US-amerikanischen sogenannten „Grönland-Zölle“ reagiert, steht weit mehr auf dem Spiel als reine Handelspolitik. Die Eskalation offenbart strukturelle Abhängigkeiten Europas – insbesondere in Hochtechnologie, Raumfahrt, Forschung und Wissenschaft.

Gerade diese Bereiche entscheiden darüber, ob Europa künftig nur reagiert oder strategisch handelt.


In diesem Spannungsfeld gewinnt die Astrobiologie eine neue, politische Dimension. Als klassische Grundlagenforschung zielt sie auf die Beantwortung einer der fundamentalsten Fragen der Menschheit: Wie entsteht Leben, und ist es im Universum einzigartig?

Doch jenseits dieser philosophischen Ebene ist Astrobiologie ein strategischer Wissensraum. Forschung zur Habitabilität, zu Biosignaturen, zur planetaren Evolution und zu extremen Lebensformen schafft die theoretische Basis für:

  • neue Sensortechnologien
  • autonome Systeme
  • Planetenschutz
  • Umwelt- und Klimamodelle

Wer hier führend ist, bestimmt nicht nur wissenschaftliche Standards, sondern technologische Pfade. Wissensgewinn wird zum Machtfaktor.


Die ExoMars-Mission mit dem Rosalind Franklin Rover steht exemplarisch für diese Ambivalenz. Der Rover ist darauf ausgelegt, bis zu zwei Meter tief unter die Marsoberfläche zu bohren – tiefer als jede andere Mission zuvor – und dort gezielt nach Biosignaturen zu suchen. Wissenschaftlich ist er eines der ambitioniertesten Instrumente, das Europa je gebaut hat.

Nachdem die USA 2012 aus Budgetgründen aus der Mission ausgestiegen waren, wurde Russland (Roskosmos) Hauptpartner. Russland sollte die Landeplattform Kasatschok sowie die Trägerrakete (Proton) liefern.

Der russische Angriff auf die Ukraine markierte 2022 einen tiefen Einschnitt in der europäischen Raumfahrtkooperation. In der Folge stoppte die ESA im März 2022 die Zusammenarbeit. Für die europäische Wissenschaft war dies ein Schock: Der Rover war fertiggestellt, die Mission praktisch startbereit – und plötzlich blockiert.

Um ExoMars zu retten, sprang die NASA ein. 2024 unterzeichneten ESA und NASA ein Abkommen, nach dem die USA nun:

  • die Brems- und Landetriebwerke
  • die Trägerrakete
  • Radioisotop-Heizelemente

bereitstellen. Der neue Starttermin ist derzeit für 2028 vorgesehen.


Angesichts der transatlantischen Spannungen Anfang 2026 erhält diese Partnerschaft eine neue, brisante Dimension.

Die prestigeträchtigste europäische Astrobiologie-Mission ist nun erneut massiv von einem externen Akteur abhängig. Sollte sich der Handelskonflikt weiter verschärfen, könnten wissenschaftliche Kooperationen zunehmend unter politischen Vorbehalt geraten oder als Druckmittel instrumentalisiert werden.

Experten fordern zunehmend, dass Europa eigene Landetechnologien, Trägersysteme und nukleare Heizelemente entwickelt. Die Erfahrungen seit 2022 zeigen schmerzhaft, wie schnell Europa sonst zwischen Großmächten zerrieben wird – zunächst zwischen Russland und dem Westen, nun potenziell zwischen den USA und der Europäischen Union.

Grundlagenforschung soll der gesamten Menschheit dienen. Spätestens seit 2022 und mit wachsender Deutlichkeit im Jahr 2026 wird jedoch sichtbar: Hochtechnologie ist untrennbar mit Handels-, Sicherheits- und Machtpolitik verknüpft. Wissenschaft kann Brücke sein – oder Geisel geopolitischer Interessen.


Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept einer ExoMars Orbital Astrobiology Mission (EOAM) strategisch erheblich an Bedeutung. EOAM ist nicht als Ersatz für den Rosalind-Franklin-Rover konzipiert, sondern als komplementäre Weiterentwicklung der europäischen Mars-Astrobiologie.

Während der Rover punktuell nach Biosignaturen im geschützten Untergrund sucht, adressiert EOAM eine übergeordnete, systemische Fragestellung: Wie repräsentativ sind lokale astrobiologische Befunde im regionalen und planetaren Kontext?

EOAM verlagert den Fokus von der punktuellen Lebenssuche hin zur Einordnung, Skalierung und Falsifizierbarkeit astrobiologischer Ergebnisse. Untersucht werden nicht einzelne Proben, sondern Prozesse, Habitabilitätsbedingungen und Erhaltungsräume potenzieller Biosignaturen auf regionaler bis planetarer Ebene.

Zentral ist dabei die instrumentelle Logik orbitaler Pendants zu den Rover-Systemen: Orbitalradar, Neutronendetektoren, hyperspektrale Bildgebung sowie Gas- und Staubanalytik ermöglichen es, geologische Strukturen, Wasserstoffverteilungen, Redox-Grenzen und saisonale Zyklen großflächig zu erfassen. EOAM kontextualisiert damit die In-situ-Daten des Rovers, ohne diese zu ersetzen.

Darüber hinaus besitzt EOAM eine klare resilienzpolitische Funktion. Rover-Missionen sind inhärent risikobehaftet – durch Startfenster, Landung und begrenzte Mobilität. Ein orbitales Astrobiologie-Element sichert die wissenschaftlichen Kernziele des ExoMars-Programms auch bei Verzögerungen oder Ausfällen ab und gewährleistet langfristige Kontinuität.

Im Unterschied zum Trace Gas Orbiter, der primär atmosphärische Prozesse untersucht, ist EOAM als astrobiologische Kontextmission angelegt. Sie liefert die planetare Einbettung, die notwendig ist, um organische Signale, Wasserindikatoren oder geochemische Gradienten wissenschaftlich belastbar zu interpretieren.

EOAM steht damit für einen strategischen Perspektivwechsel:
vom einzelnen Bohrkern hin zum planetaren Gesamtbild – als Ausdruck europäischer wissenschaftlicher Souveränität und langfristiger Führungsfähigkeit in der Astrobiologie.


Die Drohungen aus Washington, von europäischen Handelsexperten als „politische Erpressung“ bewertet, untergraben das Grundvertrauen in die transatlantischen Beziehungen. Während auf diplomatischer Ebene Vermittlungsversuche laufen, bereiten einzelne EU-Mitgliedstaaten den Einsatz des Anti-Coercion Instruments – der sogenannten „Handels-Bazooka“ – vor.

Diese Eskalation macht deutlich:
Resilienz ist keine Option mehr, sondern Voraussetzung.

Eine starke Raumfahrtindustrie und unabhängig finanzierte Forschung sind essenziell, um wirtschaftlichem und politischem Zwang zu widerstehen. Wenn internationaler Zugang zu Technologie, Daten oder Kooperationen eingeschränkt wird, sichert nur eine eigene wissenschaftliche Basis die Handlungsfähigkeit Europas.


Der Rosalind-Franklin-Rover ist heute weit mehr als ein wissenschaftliches Instrument zur Suche nach Leben auf dem Mars. Er ist ein Symbol europäischer Resilienz – und ihrer Verwundbarkeit zugleich.

Europa steht Mitte der 2020er Jahre vor einem Spagat:
Einerseits muss die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern politisch stabilisiert werden. Andererseits muss die EU mit Instrumenten wie der „Handels-Bazooka“ ihre wirtschaftliche und technologische Souveränität verteidigen.

Langfristig führt kein Weg an kontinuierlichen Investitionen in Grundlagenforschung, eigene Raumfahrttechnologien und strategische Missionen wie EOAM vorbei. Nur so kann Europa gegenüber globalen Machtansprüchen und geopolitischen Umbrüchen bestehen – und seine zivilen Werte von Respekt, Kooperation und wissenschaftlicher Offenheit in die Zukunft tragen.