Bewegung in Abu Dhabi – und was sie strategisch bedeutet
Nach Jahren militärischer Eskalation kommt im Januar 2026 erstmals wieder sichtbar Bewegung in die Verhandlungen über ein Ende des Krieges in der Ukraine. Dass sich russische und ukrainische Unterhändler unter Vermittlung der USA in Abu Dhabi treffen, markiert keinen Durchbruch – aber einen möglichen Wendepunkt. Parallel dazu arbeitet die EU bereits an einem milliardenschweren Aufbauplan für die Ukraine. Diese Gleichzeitigkeit von Diplomatie und Zukunftsplanung ist kein Zufall.
Jenseits der akuten Sicherheitsfragen rückt damit eine größere strategische Frage in den Fokus: Welche Rolle spielen Ukraine, Russland und Europa künftig in Hochtechnologie, Raumfahrtindustrie und planetarer Exploration – und wie kann Kooperation möglich sein, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen?
Die Ukraine: strategischer Raum zwischen Sicherheit und Technologie
Die Ukraine ist weit mehr als ein geopolitischer Pufferstaat. Sie ist ein industrieller, technologischer und wissenschaftlicher Raum mit erheblichem Potenzial:
- leistungsfähige Ingenieur- und IT‑Kompetenzen,
- Erfahrung in Luft- und Raumfahrtzulieferketten aus der postsowjetischen Zeit,
- zunehmende Integration in europäische Forschungs- und Innovationsprogramme.
Ein Wiederaufbau nach Waffenstillstand oder Frieden wäre deshalb nicht nur infrastrukturell, sondern auch technologisch zu denken. Die Anbindung der Ukraine an europäische Forschungsprogramme – von Erdbeobachtung über Raumfahrtanwendungen bis hin zu Sicherheits- und Resilienztechnologien – stärkt Europas strategische Autonomie und reduziert externe Abhängigkeiten.
Russland: Raumfahrtmacht mit Vertrauensdefizit
Russland bleibt objektiv eine der wenigen echten Raumfahrtnationen der Welt: Trägersysteme, bemannte Raumfahrt, Planetensonden, nukleare Raumfahrttechnologien. Würde Russland seine Ressourcen in die friedliche Weltraumforschung – etwa in die Mars- und Planetenexploration – mit derselben strategischen Entschlossenheit investieren wie in seine militärische „Spezialoperation“, könnte dies wissenschaftlich enorme Effekte entfalten.
Doch hier liegt der Kern des Problems: Vertrauen.
Selbst bei einem Waffenstillstand oder einem formalen Kriegsende wird es Jahre dauern, bis Europa und Russland wieder belastbare wirtschaftliche und wissenschaftliche Partnerschaften eingehen können. Zu tief sitzen die Erfahrungen von Vertragsbrüchen, politischer Erpressung und instrumentalisierter Abhängigkeit.
Raumfahrt, Mars- und Planetenexploration und Astrobiologie als Prüfstein für Kooperation
Die europäische Raumfahrtpolitik steht exemplarisch für die neuen Anforderungen an internationale Zusammenarbeit. Projekte der Mars- und Planetenexploration ebenso wie die europäische Astrobiologie-Forschung sind auf langfristige Stabilität, verlässliche Partner und technologische Souveränität angewiesen.
Mars Sample Return ist dabei mehr als eine wissenschaftliche Mission. Es geht um:
- den kontrollierten Rücktransport außerirdischer Proben,
- planetaren Schutz und internationale Biosicherheitsstandards,
- die technologische Fähigkeit Europas, komplexe interplanetare Lieferketten eigenständig zu beherrschen.
Astrobiologie wiederum ist klassische Grundlagenforschung – sie fragt nach den Bedingungen für Leben im Universum. Gerade deshalb ist sie politisch sensibel: Sie benötigt offene Kooperation, darf aber nicht von politisch instabilen oder strategisch unzuverlässigen Partnern abhängig sein.
In beiden Bereichen gilt: Internationale Zusammenarbeit bleibt sinnvoll, doch europäische Schlüsselkompetenzen müssen in Europa verankert bleiben.
Europäische Lehre: Kooperation ohne Abhängigkeit
Die Erfahrungen der letzten Jahre haben Europas strategisches Denken verändert. In Energie, Halbleitern, Verteidigung – und zunehmend auch in der Raumfahrt – gilt ein neues Paradigma:
Offene Zusammenarbeit, aber geschlossene Abhängigkeiten.
Das heißt konkret:
- europäische Kernfähigkeiten bleiben in Europa,
- internationale Partner ergänzen, ersetzen aber nicht,
- wirtschaftliche und wissenschaftliche Kooperationen sind reversibel und diversifiziert.
Die Ukraine kann hier zu einem integralen Bestandteil eines resilienten europäischen Innovationsraums werden. Russland kann – langfristig – ein Kooperationspartner sein, aber nicht mehr der strukturelle Pfeiler europäischer Schlüsseltechnologien.
Die Arktis und Grönland: strategische Dimension für USA, Europa und den Ukrainekrieg
Die parallel laufende Debatte um ein mögliches neues Grönland-Abkommen zwischen den USA und der NATO fügt sich nahtlos in die hier skizzierte strategische Lage ein. Grönland ist kein Randthema, sondern ein sicherheitspolitischer Schlüsselraum: für Raketenabwehr, Frühwarnsysteme, Weltraumüberwachung und den Zugang zur Arktis.
Für die USA ist Grönland Teil einer globalen Sicherheitsarchitektur, die zunehmend auch den Weltraum umfasst. Systeme wie das geplante Raketenabwehrprojekt „Golden Dome“ sowie die bestehende US-Weltraumbasis Pituffik zeigen, wie eng militärische Sicherheit, Raumfahrt und Geopolitik miteinander verflochten sind.
Für Europa wiederum ist der Grönland-Konflikt ein weiteres Signal dafür, dass sich die transatlantische Partnerschaft verändert hat. Die klare Haltung Dänemarks und Grönlands, keine Souveränität abzugeben, unterstreicht ein europäisches Kerninteresse: Sicherheit durch Kooperation – aber nicht durch Aufgabe eigener Entscheidungs- und Hoheitsrechte.
Auch der Krieg in der Ukraine wirkt hier indirekt hinein. Die NATO verfolgt offen das Ziel, russischen und chinesischen Einfluss in strategischen Räumen wie der Arktis zu begrenzen. Gleichzeitig zeigt der Konflikt mit Russland, wie riskant es ist, sich in sicherheitsrelevanten Bereichen auf politische Zusicherungen ohne belastbare institutionelle Absicherung zu verlassen.
Raumfahrt, Raketenabwehr, Arktis und Mars- und Planetenexploration sind damit Teil derselben strategischen Gleichung. Sie berühren Fragen von Verteidigungsfähigkeit, technologischer Souveränität und langfristiger Stabilität.
Fazit: Europäische Souveränität von der Arktis bis zum Mars
Die Gespräche in Abu Dhabi, die Planungen für den Wiederaufbau der Ukraine und die Auseinandersetzungen um Grönland zeigen gemeinsam, in welchem strategischen Umfeld sich Europa bewegt.
Europa muss künftig gleichzeitig:
- seine Verteidigungs- und Sicherheitsfähigkeit stärken,
- seine Raumfahrt- und Forschungskompetenzen eigenständig ausbauen,
- Kooperationen offenhalten, ohne neue Abhängigkeiten einzugehen.
Die Ukraine kann Teil eines resilienten europäischen Innovations- und Sicherheitsraums werden. Russland bleibt – selbst bei einem Waffenstillstand – auf absehbare Zeit ein schwieriger Partner, dem gegenüber Vorsicht und klare Regeln notwendig sind.
Ob in der Arktis, im Erdorbit oder bei Missionen zum Mars: Europas Handlungsfähigkeit wird sich daran messen lassen, ob es Sicherheit, Forschung und wirtschaftliche Kooperation strategisch zusammendenkt – und seine Souveränität dabei wahrt.