Ein neuer KI-Hub für Europa
Mit der Inbetriebnahme der Industrial AI Cloud im Münchner Tucherpark startet eines der größten KI-Infrastrukturprojekte Europas. Gemeinsam mit NVIDIA, SAP, Siemens und weiteren Partnern bringt die Deutsche Telekom erstmals industrielle KI-Rechenleistung in dieser Größenordnung auf deutschen Boden. Rund 10.000 NVIDIA-Blackwell-GPUs, bis zu 0,5 ExaFLOPS Rechenleistung sowie etwa 20 Petabyte Speicher bilden das technische Rückgrat der Anlage. Bereits zum Start ist die KI-Fabrik zu über einem Drittel ausgelastet. Das Ziel ist klar definiert: souveräne Hochleistungs-KI für Industrie, Wirtschaft, Forschung und Verwaltung – betrieben in Deutschland und unter europäischem Recht.
Warum diese KI-Fabrik strategisch entscheidend ist
Die Anlage adressiert ein zentrales europäisches Defizit: den Mangel an eigener KI-Recheninfrastruktur. Während rund 70 Prozent der globalen KI-Kapazitäten in den USA stehen, entfielen bislang nur wenige Prozent auf Europa. Die Münchner KI-Fabrik soll diese Lücke schließen und wirkt zugleich als Produktionsbooster für die Industrie, als Beschleuniger für Forschung und Innovation, als Grundlage digitaler Souveränität und als Standortfaktor für Start-ups und Mittelstand. Mit dem sogenannten „Deutschland Stack“, den Telekom und SAP gemeinsam bereitstellen, entsteht erstmals ein vollständig integrierter Technologie-Baukasten – von der physischen Infrastruktur über Cloud-Plattformen bis hin zu KI-Anwendungen für Behörden und Unternehmen.
Unter der Oberfläche: Aufbau und Betrieb der KI-Fabrik
Die KI-Fabrik wurde in einem ehemaligen Rechenzentrum auf rund 10.700 Quadratmetern neu aufgebaut. Die Infrastruktur umfasst etwa 10.000 GPUs aus der NVIDIA-Blackwell-Generation, Hochleistungs-Glasfaseranbindungen und eine sechsstöckige Serverarchitektur. Der Betrieb erfolgt vollständig mit erneuerbarer Energie. Die Telekom betreibt die Plattform unter strengen Vorgaben zu Datenschutz, IT-Sicherheit und Verfügbarkeit – ausschließlich mit europäischem Personal.
Hochleistung trifft Nachhaltigkeit
Auch in Sachen Nachhaltigkeit setzt die Anlage Maßstäbe. Die Kühlung erfolgt über Wasser aus dem Eisbach, die entstehende Abwärme soll künftig das gesamte Quartier versorgen. Das Rechenzentrumsdesign ist konsequent auf Energieeffizienz ausgelegt – ein wichtiger Schritt, um Hochleistungsrechnen und Klimaziele miteinander zu vereinbaren.
Der „Deutschland Stack“ – vom Chip bis zur Anwendung
Technologisch vereint der „Deutschland Stack“ die Kompetenzen mehrerer Schlüsselakteure: Telekom und T-Systems verantworten Infrastruktur, Plattform und T-Cloud, SAP liefert die Business Technology Platform, AI Foundation und Fachanwendungen, NVIDIA stellt GPU-Hardware, KI-Frameworks und Omniverse-Simulation bereit, Siemens bringt mit SIMCENTER, digitalen Zwillingen und industrieller Simulation seine Ingenieurkompetenz ein. Daraus entsteht ein durchgängiges System von Hardware bis Anwendung, speziell ausgelegt für regulierte und industrielle Umgebungen.
Konkrete Anwendungen für Industrie, Wirtschaft und Staat
Die möglichen Anwendungsfelder sind breit. In der Industrie ermöglichen digitale Zwillinge von Fabriken und Produkten, GPU-basierte Simulationen von Material, Aerodynamik und Prozessen, KI-gestützte Qualitätsprüfung, Robotik sowie autonome Systeme eine deutlich beschleunigte Produktentwicklung. Wirtschaft und Mittelstand profitieren von KI-Copiloten für Engineering und Produktion, optimierten Lieferketten, virtuellen Prototypen und automatisierten Geschäftsprozessen. Für den öffentlichen Sektor stehen souveräne Cloud-KI, sichere Fachanwendungen und interoperable Behörden-IT im Fokus. Forschung und Wissenschaft erhalten Zugang zu Hochleistungsrechnen für KI-Modelle, zur Simulation komplexer physikalischer Systeme und erstmals zu europäischer KI-Infrastruktur ohne Abhängigkeit von US-Hyperscalern.
SOOFI: Europas eigenes Sprachmodell
Ein zentrales Leuchtturmprojekt ist SOOFI – Sovereign Open Source Foundation Models. Ziel ist die Entwicklung eines europäischen Open-Source-Sprachmodells mit rund 100 Milliarden Parametern, das vollständig in Europa trainiert wird und sich auf europäische Sprachen sowie industrielle Anwendungen konzentriert. Damit entsteht erstmals ein großskaliges souveränes Sprachmodell aus Europa – ein wichtiger Schritt weg von der Dominanz US-amerikanischer KI-Plattformen.
Souverän – aber nicht vollständig unabhängig
Trotz Betrieb in Deutschland bleibt eine strukturelle Abhängigkeit bestehen: Die eingesetzten Chips stammen von NVIDIA aus den USA, deren Lieferketten wiederum globale Verflechtungen, unter anderem mit China, aufweisen. Die KI-Fabrik bedeutet daher weniger vollständige Unabhängigkeit als vielmehr strategische Handlungsfähigkeit Europas – Kontrolle über Daten, Betrieb und Anwendungen sowie den Aufbau eigener Kompetenz im industriellen KI-Einsatz. Sie ist ein entscheidender Zwischenschritt, aber kein Endpunkt.
Fazit: Die Infrastruktur steht – jetzt zählt die Umsetzung
Unterm Strich markiert die Münchner KI-Fabrik einen Wendepunkt: Erstmals steht industrielle KI-Rechenleistung dieser Größenordnung in Deutschland zur Verfügung. Europa steigt konkret in den Aufbau souveräner KI-Infrastruktur ein, mit unmittelbarer Wirkung für Industrie, Forschung und Verwaltung. Ob daraus echte technologische Führerschaft entsteht, hängt nun davon ab, wie konsequent Wirtschaft, Politik und Wissenschaft diese Plattform nutzen und weiterentwickeln.
Die Infrastruktur steht. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.