Die zunehmenden Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) auf Landes- und Bundesebene werfen eine zentrale Frage auf: Welche Auswirkungen hätte eine Regierungsbeteiligung dieser Partei auf den Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland, auf internationale Kooperationen sowie auf gesellschaftliche Teilhabe? Diese Analyse beleuchtet mögliche Entwicklungen aus der Perspektive von Wissenschaft, Hochtechnologie und sozialer Realität.
Wirtschaft, Industrie und geopolitische Neuorientierung
Eine Bundesregierung unter maßgeblichem Einfluss der AfD würde voraussichtlich eine stärkere Betonung nationaler Interessen verfolgen. Dies hätte unmittelbare Folgen für Deutschlands Einbindung in europäische und multilaterale Strukturen. Handels- und Technologiebeziehungen zu den USA, China und Russland könnten neu justiert werden – mit unklaren Konsequenzen für exportorientierte Hochtechnologiebranchen.
Gerade Schlüsselbereiche wie Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Fusionsforschung sowie Luft- und Raumfahrt sind heute tief in europäische und internationale Forschungs- und Lieferketten eingebunden. Programme der EU, der ESA oder transatlantische Kooperationen bilden das Rückgrat dieser Industrien. Eine politische Abkehr von multilateralen Formaten würde daher nicht nur außenpolitische, sondern auch strukturell-ökonomische Risiken mit sich bringen.
Forschung im Spannungsfeld nationaler Politik
Moderne Wissenschaft ist ohne internationalen Austausch nicht denkbar. Dies gilt insbesondere für hochspezialisierte Disziplinen wie die Astrobiologie und die planetare Forschung. Die Untersuchung der Habitabilität des Mars – also der Frage, ob der Planet in seiner Frühzeit lebensfreundliche Bedingungen aufwies – basiert auf globalen Missionen und Datenaustausch.
Missionen wie Perseverance (NASA), ExoMars (ESA) oder geplante chinesische Programme wie Tianwen-3 sind nur durch internationale Arbeitsteilung möglich. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Mars Sample Return (MSR)-Mission, deren Ziel die Rückführung von Marsproben zur Erde ist. Erst durch Analysen in terrestrischen Laboren lassen sich potenzielle Biosignaturen mit der notwendigen wissenschaftlichen Präzision untersuchen. Daraus entwickelt sich die Disziplin der Astropaläontologie, die bis 2040 eine tragende Säule europäischer Spitzenforschung werden könnte.
Eine nationalistisch geprägte Forschungspolitik würde diese Entwicklung nicht stärken, sondern strukturell behindern.
Gesellschaftliche Realität und institutionelle Brüche
Die politische Debatte über eine mögliche AfD-Regierung lenkt den Blick auch auf gesellschaftliche Gruppen, die bereits heute mit erheblichen strukturellen Defiziten konfrontiert sind – unabhängig von der jeweiligen Bundesregierung. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderungen oder im Autismus-Spektrum.
Die Bundesagentur für Arbeit nutzt häufig standardisierte Computerprogramme und Testverfahren, um Kompetenzen zu analysieren. Diese Maßnahmen führen oft zu einer Fehleinschätzung individueller Potenziale. In der Praxis finden sich Menschen mit hohen fachlichen Interessen in Maßnahmen wieder, die weit unter ihrem Niveau liegen.
Zudem offenbaren sich Widersprüche im Sozialsystem: Während Bezieher von Bürgergeld teils öffentlichkeitswirksam eine Distanz zur Arbeitsgesellschaft sowie ein fehlendes Interesse an Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zeigen, stehen Menschen mit voller Erwerbsminderung – die trotz gesundheitlicher Einschränkungen nachts aufstehen und weite Wege für eine Tätigkeit in der Materialanalyse auf sich nehmen – finanziell oft schlechter da.
Ebenso paradox gestaltet sich der Zugang zum Arbeitsmarkt: Bewerbungen für Tätigkeiten in der Abfallwirtschaft oder im Einzelhandel scheitern oft an formalen Hürden, während gleichzeitig hochkomplexe Aufgaben in Laboren erfolgreich bewältigt werden. Fachkompetenzen in der IT, Astrobiologie und Marsforschung, die autodidaktisch erworben wurden, finden in den starren Rastern der Behörden sowie bei Personalverantwortlichen in Betrieben und Unternehmen oft keine Anerkennung. Eine künftige Regierung müsste klären, wie diese bürokratischen Barrieren abgebaut werden können, um Potenzial jenseits starrer Schemata zu fördern.
Autodidaktisch erworbene Kompetenzen in IT, Astrobiologie oder moderner Technologie finden in den Bewertungslogiken von Behörden und Personalabteilungen kaum Anerkennung. Dieses Problem ist strukturell – nicht parteipolitisch – und würde sich unter einer AfD-Regierung eher verschärfen als lösen, sofern Bürokratieabbau und individuelle Förderung nicht ernsthaft angegangen werden.
Deutschland und Europa 4.0 – ein strategischer Gegenentwurf
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach einer langfristigen Zukunftsstrategie an Bedeutung. Das Konzept „Deutschland und Europa 4.0“ versteht moderne Sicherheit, Wirtschaft und Wissenschaft als zusammenhängendes System:
- KI und Quantencomputing zur Unterstützung strategischer Entscheidungsprozesse und Gefahrenabwehr bis 2030
- Weltraum- und Marsforschung als wissenschaftliches Leuchtturmprojekt Europas bis 2040
- Aktive Beteiligung an der MSR-Mission zur Sicherung technologischer und wissenschaftlicher Souveränität
Ein solcher Ansatz setzt Offenheit, internationale Kooperation und die Anerkennung vielfältiger Bildungswege voraus – nicht Abschottung oder Vereinfachung komplexer Realitäten.
Fazit: Politischer Wandel trifft auf gesellschaftliche Kontinuität
Wahlergebnisse spiegeln gesellschaftliche Stimmungen wider, verändern jedoch nicht die fachlichen Interessen, Qualifikationen und Ambitionen der Menschen. Forschung, Industrie und individuelle Bildungswege lassen sich nicht per Regierungswechsel neu erfinden. Die kommenden Wahlergebnisse liefern ein Abbild der gesellschaftlichen Stimmung, daher ist die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen einer AfD-geführten Regierung notwendig.
Entscheidend wird sein, ob ein künftiges politisches Umfeld – gleich welcher parteipolitischen Färbung – in der Lage ist, Potenziale jenseits starrer Schemata zu erkennen, internationale Kooperationen zu sichern und Menschen mit eigenständig erworbenem Hochwissen wirksam einzubinden. Davon hängt ab, ob Deutschland auch in den kommenden Jahrzehnten ein relevanter Standort für Wissenschaft, Technologie und gesellschaftlichen Fortschritt bleibt.
Von Christian Dauck

