Warum eine neue Studie die Suche nach vergangenem Leben auf dem Roten Planeten neu befeuert
Eine neue astrobiologische Studie liefert genau jene Art von Ergebnis, die die Marsforschung elektrisieren muss: Selbst stark fragmentierte DNA könnte unter marsähnlichen Bedingungen in Gesteinen über sehr lange Zeiträume erhalten bleiben. Das von María-Paz Zorzano geleitete Team vom Centro de Astrobiología (CAB, CSIC-INTA) zeigt, dass DNA-Fragmente nach Strahlenbelastungen, die mehr als 100 Millionen Jahren Oberflächenstrahlung auf dem Mars entsprechen, noch teilweise sequenzierbar und biologisch auswertbar bleiben können. Die Arbeit erschien in Communications Earth & Environment.
Das ist keine Randnotiz. Es ist ein möglicher strategischer Wendepunkt in der Frage, wie wir künftig nach Leben auf dem Mars suchen sollten.
Nicht intakte Genome – aber lesbare biologische Information
Wichtig ist: Die Studie behauptet nicht, dass auf dem Mars vollständig erhaltene Genome auf uns warten. Der eigentliche Befund ist subtiler und wissenschaftlich hochrelevant. Die Forschenden zeigen, dass fragmentierte DNA trotz radiologischer Schäden so weit erhalten bleiben kann, dass sich daraus noch phylogenetische Informationen gewinnen lassen. Laut der Studie blieben nach der Bestrahlung 1,48 bis 8,45 Prozent der Sequenzen taxonomisch identifizierbar.
Das ist aus astrobiologischer Sicht bemerkenswert. Denn oft wird angenommen, dass kleine organische Moleküle die realistischeren Biosignatur-Kandidaten für den Mars seien. Doch genau hier setzt die Arbeit einen Kontrapunkt: Kleinere Moleküle wie Aminosäuren oder Lipide können unter Strahlung relativ rasch zerfallen, während DNA als komplexes Polymer in Fragmentform überraschend robuste Informationsreste bewahren kann.
Warum Curiosity für diese Arbeit so wichtig war
Der Ausgangspunkt der Studie ist eine frühere Schlüsselbeobachtung des NASA-Rovers Curiosity im Gale-Krater. Curiosity konnte in rund 3,5 Milliarden Jahre alten Mudstones organischen Kohlenstoff nachweisen; gemessen wurden etwa 200 bis 273 ppm Total Organic Carbon. Diese Gesteine gelten als besonders relevant, weil sie Hinweise auf ehemals lebensfreundliche Umgebungen liefern und weil die Strahlenexposition ihrer heutigen Oberfläche geologisch abgeschätzt werden kann.
Genau diese Verbindung ist entscheidend: Wenn Marsgesteine organischen Kohlenstoff enthalten und lange Zeiträume in einer Weise überstanden haben, die modellierbar ist, dann wird die Frage nach dem Erhalt komplexerer Biomarker plötzlich viel konkreter. Die neue Studie baut also nicht im luftleeren Raum auf, sondern knüpft direkt an reale Roverdaten an.
Ein halbes Gramm Gestein kann wissenschaftlich viel bedeuten
Besonders stark ist die methodische Aussage der Arbeit: Das Team konnte aus nur 0,5 Gramm Gestein DNA extrahieren und mittels Nanopore-Sequenzierung Hunderttausende Nukleobasen analysieren. Die Experimente wurden in Reinraumbedingungen durchgeführt, um Kontaminationen zu vermeiden, und die Proben wurden mit Gammastrahlung behandelt, die mehr als 100 Millionen Jahren Mars-Oberflächenstrahlung entsprechen soll.
Das ist für die Planetenerkundung hochrelevant. Denn es bedeutet: Man braucht unter Umständen keine großen Probenmengen, um fundamentale astrobiologische Fragen zu stellen. Wenn selbst kleinste Materialmengen noch biologische Informationsreste tragen könnten, steigt der wissenschaftliche Wert jeder einzelnen gut ausgewählten Marsprobe erheblich.
Perseverance und die neue Dringlichkeit der Probenrückführung
Hier wird der Bogen zu Perseverance und Mars Sample Return (MSR) offensichtlich. Perseverance sammelt im Jezero-Krater Proben aus einem Gebiet, das als ehemaliges Delta- und Seesystem gilt und deshalb zu den besten Orten auf dem Mars gehört, um nach Spuren vergangenen Lebens zu suchen. NASA betont weiterhin, dass MSR Proben des Mars erstmals zur Erde bringen und mit den leistungsfähigsten Laborverfahren untersuchen würde. Zudem wurde 2025 öffentlich hervorgehoben, dass eine Perseverance-Probe aus “Cheyava Falls” / “Sapphire Canyon” potenzielle Biosignaturen enthalten könnte, deren Deutung weitere Analysen erfordert.
Gerade hier entfaltet die CAB-Studie ihre strategische Sprengkraft: Wenn DNA-Fragmente oder DNA-ähnliche komplexe biologische Informationsmuster selbst unter harschen Bedingungen länger erhalten bleiben können als oft angenommen, dann wird die Rückführung sorgfältig ausgewählter Marsproben noch wertvoller. Denn auf der Erde stehen Instrumente, Kontaminationskontrollen und Sequenzierungsmethoden zur Verfügung, die weit über das hinausgehen, was ein Rover vor Ort leisten kann.
MSR ist damit nicht nur ein Prestigeprojekt. Es ist womöglich der direkteste Weg, eine der größten Fragen der Wissenschaft seriös zu beantworten: Gab es jemals Leben auf dem Mars?
Tianwen-3 verschärft den internationalen Wettlauf
Diese neue Studie erscheint zudem in einem Moment, in dem sich die internationale Marsforschung neu sortiert. Chinas Tianwen-3 wird weiterhin als Mars-Probenrückführungsmission mit Start um 2028 beschrieben; öffentlich genannte Zielgrößen sprechen von einer Rückführung von mindestens 500 Gramm Marsmaterial bis etwa 2031.
Das macht die Lage eindeutig: Die Suche nach Biosignaturen auf dem Mars ist längst nicht mehr nur eine wissenschaftliche Frage, sondern auch eine strategische und geopolitische. Wer als erstes gut ausgewählte Marsproben mit modernster Labortechnik untersucht, könnte entscheidende Erkenntnisse über die frühe Habitabilität und mögliche Biologie des Mars gewinnen.
ExoMars und Rosalind Franklin: Europas direkter Beitrag zur Astrobiologie
Für Europa ist diese Debatte besonders relevant. Die ESA beschreibt ExoMars als Programm, das ausdrücklich die Frage adressiert, ob es jemals Leben auf dem Mars gegeben hat. Der Rover Rosalind Franklin soll derzeit nach ESA-Planung 2028 starten und ist wissenschaftlich besonders wertvoll, weil er mit seinem Bohrsystem bis zu zwei Meter tief in den Untergrund vordringen kann. Genau dort sind potenzielle Biosignaturen besser gegen Oberflächenstrahlung geschützt als direkt an der Oberfläche.
Damit ergänzt Rosalind Franklin die neue DNA-Studie auf ideale Weise. Denn wenn selbst oberflächennahe Gesteine fragmentierte biologische Information potenziell über extrem lange Zeiträume konservieren können, dann steigt die wissenschaftliche Hoffnung für suboberflächennahes oder gebohrtes Material umso mehr. ExoMars ist also nicht nur ein europäisches Technikprojekt, sondern eine zentrale astrobiologische Mission.
MMX: Auch die Marsumgebung gehört zur Gesamtfrage
Auf den ersten Blick scheint Martian Moons eXploration (MMX), die japanische Mission zu Phobos und Deimos, etwas abseits dieser Debatte zu liegen. Doch das stimmt nur teilweise. JAXA beschreibt MMX als Mission, die Proben von Phobos zurückbringen und zugleich die Marsumgebung, die kleinen Monde und Prozesse der Marsgeschichte untersuchen soll. Auch DLR ist über den Rover IDEFIX beteiligt.
MMX ist deshalb relevant, weil die Erforschung des Mars-Systems immer stärker als vernetztes Gesamtbild verstanden werden muss: Marsoberfläche, Untergrund, Atmosphäre, Monde, Staubtransport, Einschlagsgeschichte und Materialaustausch hängen zusammen. Wer die Habitabilität des Mars verstehen will, darf nicht nur auf einen einzelnen Rover oder einen einzelnen Krater schauen.
Warum orbitale Astrobiologie jetzt an Bedeutung gewinnt
Genau an dieser Stelle setzt auch ein Gedanke an, den ich selbst verfolge: Ich entwickle eigenständig wissenschaftliche und strategische Konzepte im Bereich der Raumfahrt und Astrobiologie. Dazu gehört unter anderem die ExoMars Orbital Astrobiology Mission (EOAM), ein orbitales System zur großflächigen Analyse von Biosignaturen auf dem Mars.
Die neue CAB-Studie unterstreicht, warum ein solcher orbitaler Ansatz sinnvoll sein kann. Wenn komplexe Biomarker in Marsgesteinen tatsächlich über sehr lange Zeiträume in fragmentierter Form erhalten bleiben können, dann wird die großräumige Identifikation besonders vielversprechender Ablagerungsräume noch wichtiger. Orbitale Spektroskopie, Radar, mineralogische Kartierung und die Verknüpfung von Geologie, Hydrologie und potenziellen Biosignatur-Milieus könnten helfen, Probenahmeorte wesentlich präziser zu priorisieren.
EOAM steht damit für eine strategische Erweiterung der Mars-Astrobiologie:nicht nur punktuelle Roverfunde, sondern ein planetarer Zusammenhang. Nicht nur lokale Entdeckungen, sondern ein systemisches Verständnis, wo Biosignaturen am ehesten bewahrt worden sein könnten.
Die eigentliche Botschaft dieser Studie
Die wichtigste Botschaft dieser Veröffentlichung lautet für mich nicht einfach: „DNA könnte auf dem Mars überdauern.“
Die tiefere Botschaft ist:
Wir müssen größer, vernetzter und entschlossener denken.
- Curiosity hat mit seinen organischen Nachweisen im Gale-Krater und der Analyse alter Sedimentgesteine die wissenschaftliche Grundlage dafür gelegt, heute überhaupt ernsthaft über langfristig erhaltene Biosignaturen im Marsgestein zu sprechen.
- Perseverance sammelt Proben, die womöglich zu den wertvollsten Materialarchiven der Planetologie gehören.
- Mars Sample Return könnte diese Archive mit irdischer Labortechnik erschließen.
- Tianwen-3 zeigt, dass auch andere Raumfahrtnationen genau auf dieses Ziel zusteuern.
- Rosalind Franklin wird Europas direkte astrobiologische Tiefensuche auf dem Mars sein.
- MMX erweitert den Blick auf das gesamte Mars-System.
- EOAM steht für die nächste logische Ebene: die großräumige, orbitale Kontextualisierung möglicher Biosignaturen..
Wenn fragmentierte DNA tatsächlich über geologische Zeiträume als Informationsspur erhalten bleiben kann, dann wird die Frage nach Leben auf dem Mars nicht kleiner, sondern größer. Sie verlangt nach Missionen, die Oberfläche, Untergrund, Orbit und Probenrückführung zusammendenken.
Schlussgedanke
Vielleicht ist genau das der spannendste Aspekt dieser Arbeit:
Sie macht die Suche nach vergangenem Leben auf dem Mars zugleich konkreter und anspruchsvoller.
Konkreter, weil sie zeigt, dass ein zentrales Biomolekül des Lebens unter extremen Bedingungen nicht zwangsläufig vollständig verschwindet. Anspruchsvoller, weil daraus folgt, dass wir künftig noch sorgfältiger auswählen müssen, wo wir suchen, was wir zurückbringen und wie wir die planetare Umgebung als Gesamtsystem interpretieren.
Die Marsforschung steht damit vor einer neuen Phase. Nicht mehr nur „Gibt es organische Moleküle auf dem Mars?“
Sondern zunehmend: Können wir in Marsgesteinen noch lesbare biologische Information finden?
Und falls ja, dann wäre die Antwort auf die Frage, ob wir allein im Universum sind, womöglich nicht mehr nur eine philosophische Hoffnung – sondern eine experimentell greifbare Möglichkeit.
Quellen
Zorzano, M. P. et al.: Fragmented deoxyribonucleic acid could be extractable from Mars’s surface rocks, Communications Earth & Environment 6, 838 (2025).


